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Flawil: 25.01.2013
<br>Helga S. Giger begrüsste - neben ihr Referentin Momo Christen aus Bern - die zahlenmässig kleine, aber äusserst aufmerksame Zuhörerschaft.

Helga S. Giger begrüsste - neben ihr Referentin Momo Christen aus Bern - die zahlenmässig kleine, aber äusserst aufmerksame Zuhörerschaft.

<br>In diesem Ringheft steht fast das ganze Leben der jungen Frau.

In diesem Ringheft steht fast das ganze Leben der jungen Frau.

<br>Helga S. Giger griff in die Tasten und brachte das Publikum mit ihren tiefgründigen, sprachlich ausgefeilten Texten zum Nachdenken.

Helga S. Giger griff in die Tasten und brachte das Publikum mit ihren tiefgründigen, sprachlich ausgefeilten Texten zum Nachdenken.

<br>Hier hängt sie Momo Christen an den Lippen.

Hier hängt sie Momo Christen an den Lippen.

Das Leben findet heute – nicht gestern oder morgen – statt
Nachtcafé Flawil mit Momo Christen und Helga S.Giger
Annelies Seelhofer-Brunner
Wer das Januar-Nachtcafé besuchte, erfuhr ganz erstaunliche Dinge aus dem Leben einer jungen Frau, die keineswegs mit dem Goldenen Löffel zur Welt gekommen war. Dass auch aus schwierigsten Lebensumständen und grösster Entwurzelung eine innere Beheimatung gefunden werden kann, bewies die Bernerin Momo Christen mit ihrer Geschichte auf eindrückliche Weise. Helga S. Giger vertiefte diese Erfahrungen mit eigenen Liedern, sich selber auf der Gitarre begleitend.

Zündende Begegnung
Eines Abends sass Momo Christen vor dem Fernseher und hörte Kurt Aeschbacher und seinen Gästen zu. Da kam eine Frau, die sich mit Biografien von Menschen befasst, Lilly Bardill, Mutter des bekannten Liederpoeten Linard Bardill. Wie elektrisiert fuhr Momo Christen hoch. „Ja, genau, das wär’s!“ Am andern Tag schon rief sie in Graubünden an, bekam auch gleich einen Termin für den nächsten Tag. Und so reiste die damals nur 41 kg schwere Frau von Bern ins Bündnerland und redete sich ihr Leben von der Seele. Innert einer Woche schrieb sie ihre Lebensgeschichte auf. Damit begann die Zeit der eigentlichen Genesung.

Helga Giger ist mit Lilly Bardill befreundet, über diesen Kontakt kamen die beiden Frauen ins Gespräch, welches zu einem gemeinsamen Lese- und Liederabend führte, einmal in Chur, einmal im Nachtcafé.

Ständige Umzüge
Kinder wünschen sich stabile Verhältnisse, möchten gerne immer am gleichen Ort leben dürfen, mit ihren beiden Elternteilen. Nur allzu oft wird dieser Wunsch aber nicht erfüllt. Das musste auch Momo Christen erfahren, die vor 43 Jahren in eine Familie hineingeboren wurde, wo Stabilität und Verlässlichkeit Fremdwörter waren. Mit 14 Jahren hatte sie bereits 14 Mal ihre Wurzeln ausreissen und sich an anderem Ort wieder neu orientieren müssen. Sie lebte in 8 verschiedenen Kantonen und musste 10 Mal die Schule wechseln.

Immer wieder Abschied
Abschiede und Trennungen haben das Leben von Momo Christen seit frühester Jugend begleitet. Immer wieder kam sie in ein anderes Kinderheim, später in psychiatrische Einrichtungen. Sie erlebte den Tod von vielen Menschen, meistens wegen Drogen, so auch den Tod ihrer liebsten Freundin. Dies machte ihr auch den Aufbau einer echten Beziehung äusserst schwer, plagten sie doch ständig Ängste, plötzlich verlassen zu werden.

Suchterfahrungen in frühesten Jahren
Schon ganz früh, bereits im Alter von sieben Jahren begann Momo Christen zu rauchen. In ihrem – noch unveröffentlichten – Text über ihr Leben schrieb sie: „Ich habe das Rauchen noch nicht im Griff, will es besser können.“ Mit zehn Jahren flüchtete sie sich nach einem Elternstreit um Alkoholkonsum selber in einen Rausch. Dies wollte sie fortan immer wieder erleben. Später kamen Marihuana, irgendwann auch Heroin dazu. Sie begann die Schule zu schwänzen, wurde immer aufsässiger und umgab sich mit einem randständigen Freundeskreis. Sie begann sich selber zu verletzen, weshalb sie bis heute keine ärmellosen Kleider trägt.

Dass ihr die Grossmutter gar Zigaretten ins Kinderheim sandte oder auch Geld, versteckt unter der Briefmarke oder in einer Schachtel mit doppeltem Boden, erstaunte dann schon sehr. Doch laut Christen hatte die Grossmutter zwar keine Ahnung von Kindern, liebte aber Kinder, die sie liebten…

Verlässliche Bezugspersonen
Auch in Momo Christens Leben gab es verlässliche Bezugspersonen. Ihr Grossvater wohnte immer am selben Ort, war immer da. Später lernte sie ihren Mann Sam kennen, einen schweren Alkoholiker, bezeichnenderweise in einer psychiatrischen Institution, als sie sich wegen ihrer verschiedenen Süchte behandeln liess. Gegen den anfänglichen Widerstand des Pflegepersonals entwickelte sich daraus eine gute Partnerschaft. Leider ist ihr Mann vor knapp zwei Jahren gestorben.

Ein junges Paar – sie 25, er 27 Jahre alt – wollte Kinder in misslichen Verhältnissen als Pflege-Eltern unterstützen und fragte auch im Kinderheim nach, wo Momo damals lebte. Die beiden suchten nach einem Kind, welches zuhause keine Besuche machen konnte. Trotz Bedenken der Heimleitung entschieden sie sich für Momo. Daraus entwickelte sich durch das kluge Verhalten dieser Menschen ein Vertrauensverhältnis, welches bis heute Bestand hat.

Ausstieg aus dem Teufelskreis
Momo Christen hatte sich mit 18 Jahren zur Pflegeasstistentin ausbilden lassen, dann aber wieder einen Absturz erlitten. Mit 25 Jahren lernte sie Kindergärtnerin, aber auch hier kam wieder das Aus. Im September 2010 begann sie das Studium «Experienced Involvement», welches Menschen mit Psychiatrie-Erfahrung zu „Experten durch Erfahrung“ ausbildet. Unterdessen ist sie als Dozentin gefragt und kann ihre Kompetenz in den Kliniken von Münsterlingen, Littenheid, aber auch in Basel oder Chur einbringen. Momo Christen hat auch eine Selbsthilfegruppe gegründet und geleitet.

Momo Christen heute
Die Referentin bezeichnete sich als Frau mit einem „selbstbestimmten und meist glücklichen Leben“. Sie findet es wunderbar, wenn jemand sein Leben wieder packen kann. Sie will Mut machen. Dabei helfen ihr wichtige Grundsätze, so Achtsamkeit, Stresstoleranz, der Umgang mit den eigenen Gefühlen und die Einsicht, mit welchen Menschen gute, gesunde Beziehungen möglich sind. Am allerwichtigsten sei es, die eigenen Bedürfnisse zu kennen, das hätte sie viele, viele Jahre verdrängt und durch Drogen verschiedenster Art ersetzt.

Ihre schonungslose Lebensbeichte berührte und erstaunte zugleich. Wie viel Lebenskraft kann doch auch in einem Menschen stecken, welcher durch tiefste Täler gehen musste und lange Zeit keine Hoffnung sah! Ihre Geschichte macht Mut, sich im eigenen Bekanntenkreis umzusehen und die Augen für Menschen in Not offenzuhalten.

Einfühlsame Lieder von Helga S. Giger
Zwischen den aufwühlenden Worten von Momo Christen trug Helga S. Giger eigene Lieder vor, die zum jeweiligen Lebensthema der Referentin passten, jedoch schon viel früher, im Laufe der Jahre geschrieben worden waren. „Wenn Vorsatz nur beim Vorsatz bleibt, wenn die Seele flattert… dann umfange einen Baum mit tiefen, starken Wurzeln, dessen Rinde Risse und Kerben aufweist von all den Jahren, die er den Stürmen trotzen musste.“

Ein Lied handelte von einem jungen, ausnehmend gutaussehenden Mann, der bettelte, sie dann als Dank für ihre grosszügige Spende umarmte – was ihr einen Schauer von Ekelgefühlen über den Rücken laufen liess - und ihr dabei unwissentlich seine schlimmen Hände zeigte, „Hände wie vom Aussatz befallen“.

„Wie ein Mantel konnte deine Wärme mich behüten“ berührte mit seinen präzisen Reimen, seiner tiefen Aussage, die als Antwort auf die Ausführungen zum verstorbenen Ehemann Sam die Liebe aufscheinen liess, die Momo Christen schliesslich half, sich unverstellt und nüchtern – im wirklichen Sinne des Wortes – dem Leben zu stellen.

Lieder und gelesene sowie erzählte Begebenheiten fügten sich zu einem stimmigen Ganzen, welches dazu zwang, genau hinzuhören und sich dem nicht immer leichten Thema auszusetzen. Dass auch ein von aussen besehen "verlorenes" Leben zu einem segensreichen Wirkten führen kann, wurde an diesem Abend jedenfalls klar bewiesen. Mit dieser tröstlichen Aussicht kehrten die Nachtcafé-Besucherinnen und Besucher wieder nach Hause zurück.

Nächster Anlass im Nachtcafé

Mittwoch, 13. März 2013 um 20.00

Dr. Remo Roth spricht zu: Brüche im Leben und heilende Träume



Lilly Bardill

Programm Nachtcafé 2013

Artikel zu Momo Christen


<br>Susanne Brefin verteilte zum Schluss Blumen für die beiden Frauen, die einen anspruchsvollen, bedenkenswerten Abend bestritten hatten.

Susanne Brefin verteilte zum Schluss Blumen für die beiden Frauen, die einen anspruchsvollen, bedenkenswerten Abend bestritten hatten.

<br>Der Referent des nächsten Anlasses - siehe Kasten -, Dr. Remo Roth.

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