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Niederuzwil: 04.09.2010
Der restaurierte und in den Büelhof versetzte Niederuzwiler Kornspeicher erinnert an Notzeiten die immer auch wieder über die Dörfer links und rechts der Thur herein brachen.
Der restaurierte und in den Büelhof versetzte Niederuzwiler Kornspeicher erinnert an Notzeiten die immer auch wieder über die Dörfer links und rechts der Thur herein brachen.

Ob die Hungerjahre uns je wieder einholen?
Mahnmal Niederuzwiler Kornspeicher
Christian Jud
Dürre und Überschwemmungen und Flächenbrände kaum je zuvor gekannten Ausmasses gehören zu den Tagesmeldungen, und die Frage steht im Raum, sind Mangel- und Hungerjahre auch in unseren Breitengraden wieder möglich?. Der Niederuzwiler Kornspeicher erinnert an eine Zeit, in welcher die Versorgung kleinräumig gesichert werden musste.

Überschussjahre gehören für die Jungen von heute in unseren Breitengraden zur Dauererscheinung ihrer Lebensjahre. Deren Grosseltern aber, die sich an die Zeit der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts zu erinnern vermögen, erinnern sich wieder an die eigenen Eltern und Grosseltern, die ihre Ängste um Hungerjahre noch in ihr Tischgebet einbrachten. Genügend zu essen zu haben wurde allen andern Wünschen vorangestellt, und die grosszügig bemessenen Gründstücke zum Bau von Ein- oder Zweifamilienhäusern waren nicht zum Anlegen von Rasen oder Ziersträuchern gedacht. Es waren der Dorfbanken nicht wenige, welche die Zusage des Baukredites an ein Minimum von Selbstversorgung knüpften.

Missernten folgten Hungersnöte
Auf dem Gebiet der heutigen Schweiz lebten um das Jahr 1500 herum nur etwa 800'000 Menschen, und trotzdem konnte der heimatliche Boden oft nicht alle ernähren. Schlechtwetter Jahre brachten Missernten und diese wurden zu katastrophalen Hungerjahre. Die letzten grossen von ihnen suchten 1770/71 und 1816/17 besonders auch die Ostschweiz heim.

Als Hungerjahre vermerkt die Zeitgeschichte aber auch die Jahre 1225, 1614, 1622, 1713 und andere mehr. Der Tggenburger Schriftsteller Ulrich Bräker, der als der arme Mann vom Toggenburg in die Geschichte einging, berichtete aus dem Jahr 1770: «Noch im Frühjahr lag bis im Mayen Schnee auf der Saat. Ich hatte eine gute Portion Erdäpfel im Boden. Es wurden mir aber leider viele gestohlen».

Mit geschwächter Gesundheit
Leute mit geschwächter Gesundheit überlebten die Hungerjahre nicht. Appenzell verlor 1817 den 16.Teil seiner Bevölkerung, zur selben Zeit standen in Hundwil 276 Verstorbenen 36 Geburten gegenüber. Von der Not in weiten Teilen der Schweiz hörte auch Zar Alexander der 1. von Russland, und er stellte 100'000 Rubel zur Linderung der Not zur Verfügung. Davon gingen 15'000 Rubel an den jungen Kanton St.Gallen und weitere 20'000 Rubel waren für die Ansiedlung am Linthufer bestimmt.

Der Preis für einen Sack Korn stieg zu dieser Zeit von 13 Gulden auf 106 Gulden und der Preis für Hafergrütze – ein wichtiges Nahrungsmittel- stieg auf das zehnfache. In den Gemeinden wurden von Hilfsgesellschaften die Spar- oder Gottesnamensuppe gekocht und ausgeteilt. Auch Rumford’sche Suppe genannt, nach dem Engländer, der beschrieb, wie aus Gersten, Erbsen, Kartoffeln, Salz, Brot und Essig eine Notsuppe zubereitet wurde.

Strassen und Kornspeicher
Die Erkenntnis setzte sich ab dem 17.Jahrhundert immer mehr durch, dass bessere Strassenverbindungen und der Bau von Kornlagern eine unumgängliche Vorsorge gegen die verheerenden Versorgungsschwankungen sichern würden. In den Jahren 1746 bis 1748 liess der rührige Fürstabt von St.Gallen nahe dem Seehafen in Rorschach das Kornhaus erbauen, wohin die Schiffe aus dem deutschen Ufer ihr Brotgetreide ausluden.

Jeden Donnerstag wurde Kornmarkt gehalten, Müller und Bäcker kauften ein, aber auch Private, welche das Getreide in einer der unzähligen Mühlen in den Dörfern und Weilern mahlen liessen. Die Niederuzwiler Mühle stand im Gupfen. Noch fehlten aber weitgehend die Wege für den Getreidetransport, und Abt Beda fasste den Plan von Rorschach bis Wil eine Strasse zu bauen. Die Untertoggenburger waren dagegen, und so wurde diese durch das Fürstenland erstellt, die noch heute des Erbauers Namen trägt.

Ältester Uzwiler
Der im Jahre 1619 erbaute Niederuzwiler Kornspeicher war seiner Aufgabe längst enthoben, als die zur selben Zeit gegründete Vereinigung für Kulturgut Uzwil sich der Aufgabe annahm, ihn zu restaurieren und ihm einen neuen Standort im Büelhof zu sichern. Der Uzwiler Lehrer, Organist und Historiker Hans Bischofberger unternahm es, die Geschichte des Speichers zu erforschen.

Bischofberger vertiefte sich dazu auch in die Literatur von Jeremias Gotthelf, der den Sinn des Speichers- für Berner Spycher- so umschrieb:«Der Spycher ist die grosse Schatzkammer in einem Bauernhause. Derwegen steht er meist etwas abgesondert vom Hause, damit, wenn dieses in Brand aufgehe, jener noch zu retten sei, und wenn das Haus angeht, so schreit der Bauer Rettit den Spycher, er enthält nicht bloss Korn, Fleisch, Schnitze, Kleider, Geld, Vorräte an Tuch und Garn, sondern auch Kleinodien, er möchte fast das Herz eines Bauernwesens zu nennen sein».