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Wil/St.Gallen: 20.11.2008
Die Börsensonne am Horizont
Die Finanzkrise ist nicht zuletzt auch die Folge, dass die Bankinstitute untereinander kein Geld mehr ausleihen wollten, aber eine Depression sieht Anlagechef Thomas Stucki nicht.
pd
Grosse Spannung herrschte am 20. November am traditionellen Börsenfrühstück der St.Galler Kantonalbank (SGKB) in der Wiler Tonhalle: Schlittert die Weltwirtschaft in eine Depression? Wie lange dauert die Vertrauenskrise noch? Und wann kann man wieder in Aktien investieren? Experten der SGKB, Anlagechef Thomas Stucki und Finanzanalyst Alfred Steininger, beantworteten die wichtigsten Fragen – und verbreiteten durchaus etwas Optimismus.

Prognosen zu stellen war für SGKB-Anlagechef Thomas Stucki auch schon einfacher: "Vor Jahresfrist habe ich gesagt, dass die Immobilienkrise noch nicht ausgestanden ist. Dass diese aber in eine weltweite Finanzkrise mündet, habe auch ich nicht für möglich gehalten."

In den letzten zwei Monaten sei das ganze Finanzystem quasi zusammengebrochen und von den Staaten übernommen worden. Im Sturm der aktuellen Krise seien die ersten Verluste im Subprime-Markt im August 2007 ein "laues Lüftchen" gewesen.

Von der Immokrise zur Bankenkrise
Thomas Stucki ging in der Tonhalle Wil vor rund 110 Teilnehmerinnen und Teilnehmern zunächst auf den Ursprung der Finanzkrise ein: Im Frühling vor einem Jahr verzeichneten erste US-Banken Absatzprobleme von hypothekenbasierten Anlageprodukten. Diese Kredit-Wertpapiere begannen zu faulen, weil die Zahlungen aus Hypothekendarlehen immer häufiger ausfielen.

Durch die mehrfache Verbriefung des Risikos wusste niemand mehr, wer auf diesen faulen Krediten sass und die Banken liehen sich untereinander kein Geld mehr. Es fehlte den Instituten zunehmend an Kapital. Zunächst sprangen die Notenbanken mit Geld ein, dann gerieten erste Banken ins Wanken. Im Laufe des Jahres schnürten dann die Staaten Hilfspakete, mittlerweile sind viele Finanzinstitute praktisch verstaatlicht worden.

USA wird sich fangen
Der vorläufige Höhepunkt der Krise sei der Zusammenbruch der Bank Lehman Brothers gewesen, welche vom Staat nicht mehr gerettet wurde. "Im Nachhinein betrachtet sei dies ein Fehler gewesen, betonte Thomas Stucki. Denn der Sinn der staatlichen Hilfsprogramme sei es eben gewesen, das Geld wieder fliessen zu lassen. Mittlerweile hätten die Massnahmen wieder zu einer leichten Entspannung des Marktes geführt.

Dennoch wirke sich die Finanzkrise bereits deutlich auf die Konjunktur aus: Doch auch wenn der private Konsum in den USA eingebrochen sei und das Wachstum in den kommenden zwei Quartalen deutlich negativ sein werde, sieht Thomas Stucki einen Silberstreifen am Horizont: "Die neue Regierung wird alles versuchen, das Problem in den Griff zu bekommen. Amerika, verfüge über viel Kapital, das es nun richtig einsetzen müsse, um aus der Rezession zu kommen."

"Wir erwarten keine Depression!"
Für Europa sehe die Situation ernster aus, da es stark exportabhängig und weniger flexibel sei. Nächstes Jahr erwartet Stucki kein grosses Wachstum hierzulande, man müsse froh sein, wenn die hiesige Wirtschaft ihr Niveau halten könne. Dennoch seien wir weit von den Zuständen wie in der Weltwirtschaftskrise 1929 entfernt.

Vor 70 Jahren sei die Situation ganz anders gewesen: diesmal aber hätten die Staaten schnell reagiert und das Bankensystem schnell gestützt, die Zentralbanken seien zudem flexibler und man sei weit weg von den Horror-Arbeitslosenraten von 25% (heute liegt der Durchschnitt bei 9%). "Das heutige Szenario ist zwar nicht rosig, aber es gibt keinen Untergang", so der SGKB-Experte. Wenn der Abschwung den "Boden spüre" und die Auftragseingänge – ein wichtiger Indikator - wieder nach oben zeigten, reagieren auch die Aktienmärkte wieder positiv.

Bankaktien kaufen!
Angesichts dieser Situation mochte sich manch Teilnehmer fragen, ob man denn überhaupt noch in Aktien investieren solle. Die Antwort: "Ja – aber ganz nach dem Motto 'Trau, schau wem!'". Anleger sollten heute noch genauer unterscheiden und auswählen, noch genauer darauf achten, ob die jeweilige Branche gesund sei, ob das Unternehmen gut kapitalisiert und seine Bilanz solide sei. Man könne nicht mehr eine ganze Branche in einen Topf werfen. Deshalb verwunderte nur auf den ersten Blick, dass Finanzanalyst Alfred Steininger die französische Bank BNP Paribas zum Kauf empfahl.

"Klar sind wir momentan nicht 'bullish' auf Banken, aber nach den Rettungspaketen seien die Zinsen tief und dies unterstütze die Geschäftsmodelle von Banken, vor allem wenn sie ein überdurchschnittliches Risikomanagement besitzen und keine grossen Verluste aus dem US-Immobilienmarkt hinnehmen mussten."
Sieht Silberstreifen am Horizont: Thomas Stucki, Anlagechef der St.Galler Kantonalbank.
Sieht Silberstreifen am Horizont: Thomas Stucki, Anlagechef der St.Galler Kantonalbank.